
Ein Synästhet ist jemand, der in der Lage ist Klänge zu sehen oder aber auch Bilder zu hören oder Berührungen zu schmecken. Eine, je nach Auslegung, besondere Gabe oder ein Fall für die Psychatrie. Beethoven, Schubert, Baudelaire, Rimbaud, Jimi Hendrix, Aphex Twin und Syd Barret sollen synästhetische Erfahrungen/ Fähigkeiten gehabt haben. Der kulturelle Background schreibt jedoch fein voneinander getrennte Disziplinen vor. Kunst, Design, Musik, Film usw. usf.
Musik ist seit langer Zeit nicht mehr klanglich autonom. Die Vermischung von Klang und Bild trägt neue Formen. Das ist nicht erst seit dem Musikvideo bekannt. Vor allem wo das Musikfernsehen sein Vierteljahrhundert jubilieren darf und der Diskurs des Videoclips in die muffigsten Ecken der kulturwissenschaftlichen Almer Mater angelangt ist.
Visualisierung von Klang scheint seit jeher die Kreativität der Kulturschaffenden zu beflügeln und seit einigen Jahren wird anhand einiger Projekte klar, dass in der synästhetischen Verkopplung von Klang und Bild, das Bild weitaus mehr aussagen kann als nur schmuckes Beiwerk für PR-Zwecke zu sein. Klang wird durch seine Digitalisierung auch zugleich zur Information und dass hier Information in medial konvergenten Umgebungen auch Input und Signal für visuelle Ausdrucksformen sein kann, scheint nur offensichtlich.
„Zwischen Ornament und Musik bestehen direkte Beziehungen, d.h. Ornamente sind Musik. Ein Tonstreifen weist am Rand einen feinen Streifen zackigen Ornamentes auf. Dieses Ornament ist gezeichnete Musik, ist Ton. Durch den Projektor geschickt, klingen diese gezeichneten Töne unerhört rein und ganz offensichtlich sind hier phantastische Möglichkeiten.“, sagt Oskar Fischinger im Jahr 1932, der neben Walter Ruttman und Viking Eggeling die abstrakte Filmkunst ab den 1920er Jahren prägten. Auch wird ihre Kunstform unter dem Namen des „Absoluten Films“ subsumiert. Gerade Ruttmanns „Opus 1“ von 1921 wird gerne als Urvater des heutigen Musikvideoclips gesehen. Auf Zelluloid gebannte und geritzte oder geätzte Farben und Formen im Einklang mit experimentellen Klängen in stetiger Bewegung sind da zu sehen. Man meint so etwas in heutigen VJ-Clubperformances des Öfteren in leicht modifizierter Form beobachten zu können. Die Frage ob und wie die Sinne miteinander verknüpft und/oder unabhängig von einander fungieren ist eine recht philosophische, wenn nicht eine neuropsychologische. Neue Erkenntnisse liefern die folgenden Beispiele nicht zwingend. Dennoch ein Sample-Cutup über die Versuche das Ohr und das Auge näher zusammenzubringen:
The Shape of Sound verbindet MIDI-Daten und stellt die Repetitionen der Musik grafisch dar. So lassen sich strukturelle Unterschiede analytisch lesen oder einfach nur visuelle Zugänge zur Form der Musik finden. Visual Scratch hingegen visualisiert DJ-Performances auf Max/MSP-Basis. Diesmal in bewegter Form und in der Anmutung der Radar-/ Sonar-Apparatur eines U-Boots ähnlich. Der am ehesten an der Clubkultur anlehnende Ansatz ist unter looptracks.net zu finden. Haptisch, sehr schön flashig und sequenzerhaft lassen sich gleichzeitig Videoflashelemente mit Samples und Loop elektronischer Spielart à la Autechre in Echtzeit auf mehreren Ebenen mischen.
Ein ganzes Stück analytischer geht es bei den Klangbildern von Michael Casey, zu. Er ist Computer-Forscher am Goldsmiths College, der Kunsthochschule der University of London. In seinen farbigen quadratischen Abbildungen von Musik lassen sich ebenfalls Unterschiede und Analogien unterschiedlicher Musiken verbildlichen. Hier wird diagonal von links oben nach rechts unten die Zeitachse dargestellt. Anhand dieser digitalen Analyseform sollen sich musikalische Schnittmengen zwischen Sinead O’Connor und Vivaldi ausmachen lassen.
Allerdings hat diese Methode nicht nur künstlerische oder musikalische Anwendungsbereiche. Mithilfe der Computerberechnungen lässt sich ein Musikstück so beschreiben, dass es anhand seiner Struktur automatisch wieder erkannt werden kann. Musikverlage zeigen Interesse, da man so Radiostationen auf Lizenzverstöße untersuchen könnte.
Farbliche Assoziationen zählen schließlich auch bei ColorOfMySound.com. Musik welche von der Community hochgeladen wird, kann anhand eines Farbspektrums bewertet werden. Einschließlich Kommentarfunktion. So erhalten Musikstücke ihr farbliches Abbild aufgrund menschlicher Urteile. Alles im Sinne der Synästhesie. Die Klangbeispiele bewegen sich je nach Glück zwischen Neo-Euro-Trash oder bulgarischen Versionen von Nina Hagen. Teils exotisch, teils nerdig, will man meinen. Medienkonvergenz sticht auch in der Soundauswahl. Wurde für den diesjährigen Webby Award nominiert.
Die bis zum 16. Juli stattfindende sonambiente in Berlin, hat sich auch diesen synästhetischen Verknüpfungen angenommen. Das selbsternannte Festival für Hören und Sehen verbindet Musik, Bildende Kunst, Medienkunst, Performance und Film. An verschiedenen Orten in der Hauptstadt gibt es parallel zur Weltmeisterschaft Ausstellungen, wissenschaftliche Diskurse, Performances und eine World Cup Lounge mit arty Rahmenprogramm. Die Plattformen für die diversen Kunstkreuzungen scheinen sich allmählich zu etablieren. Da sich historisch gesehen erneuernde Medienrezeption auch auf die Physiognomie des Menschen ausgewirkt hat, könnte man fragen, ob in langfristiger Perspektive die Fähigkeit der Synästhesie mehr sein könnte, als ein bloßer neurologischer Fehler. Sie könnte einer erweiterten Wahrnehmung des komplexer werdenden Medienrauschens dienen.

April 28th, 2007 at 18:05
hehe…dat looptracks ist ja richtig, äh, krass